12. Mai: Internationaler Tag der Pflegenden
Professionnelle Pflege weiss damit umzugehen. Sie schützt une rettet Leben - Tag für Tag; in den Spitälern, Psychiatrischen Kliniken, Pflegeheimen und in der Spitex.
Nationale Dach-Organisation der Arbeitswelt Gesundheit - OdA G 2006
Jahr der Sichtbarkeit der Pflege : Wozu diese Kampagne?
Der SBK hat das Jahr 2005 zum „Jahr der Sichtbarkeit der Pflege“ ausgerufen. Warum diese Kampagne? Wozu dieser Aufruf? Weil die Pflege sich in einer Krise befindet – übrigens nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Die amerikanische Journalistin Suzanne Gordon, die unsere Arbeit seit einigen Jahren inspiriert hat, widmet ihr neues Buch der globalen Krise der Pflege. Ich selbst spreche für gewöhnlich vom Belagerungszustand, in den unser Beruf geraten ist. Auf die Gefahr hin, als Miesmacher zu gelten, muss ich feststellen, dass viele unserer Kolleginnen und Kollegen leider weit, sehr weit davon entfernt sind, den Ernst der Lage wahrzuhaben. Dabei müsste uns diese eigentlich Angst machen. Wie kommt es, dass unser Beruf, der doch - wenn man den Meinungsumfragen glauben darf- derart respektiert wird, so tief zu sinken droht?
Ist es denn etwa kein tiefer Fall, wenn Entscheidungsträger offen darüber diskutieren, das Pflegefachpersonal um die Hälfte zu reduzieren? Führen wir uns das klar vor Augen: Jede zweite Pflegefachfrau soll überflüssig sein und durch eine billigere Arbeitskraft ersetzt werden können?! Wie immer sind es verschiedene Faktoren, welche die Krise ausmachen. Lange Zeit hat man uns in Ruhe unsere Arbeit machen lassen. Wir profitierten von einem Konsens, die Nützlichkeit unserer Arbeit und damit die Notwendigkeit, diese zu bezahlen, waren unbestritten, die Gesellschaft stellte die erforderlichen Mittel ohne Murren bereitwillig zur Verfügung. Dank dem triumphalen Wiedereinzug des Neoliberalismus änderte sich dies alles. Die Politik begann, den Budgethahn immer mehr zuzudrehen, den Staat künstlich auszuhungern und die Mittel immer weiter zu kürzen, mit dem er seine Aufgaben erfüllen soll, so z.B. die Finanzierung eines allen zugänglichen Gesundheitssystems. Was bedeutet dies? Das bedeutet, dass wir uns plötzlich mit einer Rhetorik konfrontiert sehen, die wir uns nicht gewohnt waren– und wir gefielen uns darin. Eine utilitaristische, kalte, harte und trockene Wirtschaftsrhetorik. Leute, für die nur Franken und Rappen zählen, fordern uns auf, unsere Nützlichkeit, unseren Marktwert, ja sogar unsere Existenz zu rechtfertigen.
Ich kann Ihnen sagen, dass mir selbst lange vor dieser Diskussion graute. Sie ist mir immer noch nicht sympathisch, weit gefehlt! Und dennoch glaube ich, dass sie auch ihre guten Seiten hat. Indem ich gezwungen war, über die Sichtbarkeit der Pflege nachzudenken, kam ich zur Überzeugung, dass es sich lohnt, diese Herausforderung anzunehmen, und dass wir ihr gewachsen sind. Und hier sehe ich eine Herausforderung, die auf eine andere Art schwierig ist, eine Herausforderung „zweiten Grades“: nämlich dass wir das, was wir verlangen, nur bekommen werden, wenn wir voll und ganz davon überzeugt sind, dass wir es verdienen. Und daran zweifle ich unwillkürlich von Zeit zu Zeit. Entspricht diese Professionalität, die in der Tertiarisierung unserer Ausbildung zum Ausdruck kommt, und die erst vollkommen sein wird, wenn wir uns vom Status eines Hilfsberufes freigemacht haben werden, entspricht sie dem Bild, das wir selbst von unserem Beruf haben? Als wir uns dafür einsetzten, dass die Motion Joder in den Eidgenössischen Räten durchkommt, wurde mir bewusst, dass die ärgsten Gegner in diesem Kampf unserer eigener Kleinmut und unsere Zaghaftigkeit sind.
Ich behaupte also, dass wir die Diskussion rund ums Geld nicht zu fürchten brauchen, sondern dass diese Diskussion sogar eine Chance für uns darstellt, so wir sie denn zu packen wagen. Sie wollen über Geld reden? Nur zu! Wissen Sie, was die Behandlung eines Dekubitus durchschnittlich kostet? Wieviel ein Schenkelhalsbruch? Wenn die Gesundheitsdirektorin des Kantons Zürich vorgibt, bei der Dotierung mit Pflegefachpersonal zu sparen, indem sie dieses dazu zwingt, die Patienten weniger oft umzubetten, so muss ich laut lachen. Und trotzdem müssen wir dies ernst nehmen, weil uns diese Episode beweist, wie sehr sogar die obersten politischen Behörden nicht wissen,
- was eine diplomierte Pflegefachfrau tut;
- „wozu dies gut ist“;
- und wieso zum Teufel es dazu ein Diplom braucht.
Paradoxerweise sind trotz der beachtlichen Entwicklung unseres Berufes seit Florence Nightingale die Art unserer Selbstwahrnehmung und mithin die Art, wie wir über uns und unsere Pflege sprechen, „viktorianisch“ geblieben. Dieser Diskurs ist nicht an sich falsch, und es liegt mir fern, ihn lächerlich machen zu wollen. Das Problem ist, dass sich die Zeiten geändert haben. Die Termini, welche Florence benützte, um bei den damaligen Behörden das zu bekommen, was sie brauchte, um die armen Teufel auf der Krim zu pflegen, haben sich in eine schwerwiegende Hypothek verwandelt und sind dabei, unseren Beruf zu ruinieren und ihn in die Bedeutungslosigkeit zu katapultieren, wenn wir nicht schnellstens Gegensteuer geben. Wer mehr darüber wissen will, sei herzlich eingeladen, mit dabei zu sein beim Vortrag, den Suzanne Gordon in etwas weniger als drei Monaten am Kongress in Davos halten wird, und auf alle Fälle ihre Kolumnen in unserer Zeitschrift zu lesen.
Fassen wir noch einmal kurz zusammen. Wir stehen zwei Problemen gegenüber:
1) Aus (falscher) Bescheidenheit und/oder Stolz sprechen wir nur widerwillig in der Öffentlichkeit über unsere Arbeit;
2) und wenn wir es tun, brauchen wir Ausdrücke, die in der Regel der Komplexität unserer Aufgabe nicht gerecht werden, oder aber wir benützen einen ziemlich gekünstelten, akademisch-wissenschaftlichen Fachjargon, der für einen gewissen Minderwertigkeitskomplex typisch ist.
Wie dem auch sei, unser totales oder bedingtes Schweigen ist aufschlussreich und weist auf eine schwere Identitätskrise hin. Sind wir uns selbst des Wertes unserer Arbeit bewusst, sind wir fähig zu umschreiben, was das Wesen unserer Kunst ausmacht?
Beim letztjährigen Kongress des RCN (des Berufsverbandes unserer britischen Kolleginnen und Kollegen) reichte die Sektion Exeter eine Motion mit dem quasi unübersetzbaren Titel „Are we too posh to wash?“ ein – zu umschreiben mit „Sind wir uns zu gut für die Grundpflege?“. Natürlich sollte damit provoziert werden, aber es handelte sich um eine ganz bewusste Provokation. Ich glaube, dass sich in der heutigen Situation bei uns eine ähnliche Diskussion aufdrängt. Das Pflegefinanzierungsmodell, das der Bundesrat ins Auge fasst, würde die Grundpflege auf inakzeptable Art und Weise disqualifizieren. Nun ist aber diese Geringschätzung nicht nur auf Behördenebene zu finden, die nicht ganz auf dem Laufenden ist über die letzten Entwicklungen in unserer Wissenschaft; ich denke etwa an einen Psychiatriepflegefachmann, einen höchst kompetenten Kollegen übrigens, für den die Vorstellung, dass ein Teil seiner Leistungen Grundpflege darstellten, „eine Beleidigung für unseren Beruf“ darstellten. Umgekehrt gibt es zahlreiche „postmoderne“ Pflegefachleute, die allem, was nicht zum autonomen Bereich der Pflege gehört, nur mit Widerwillen begegnen. Ich bin überzeugt, dass diese Gegensätze konstruiert sind und nur zu unfruchtbaren Wortgefechten führen. In Tat und Wahrheit wird spätestens dann, wenn die ersten frischgebackenen Fachangestellten Gesundheit an die Türe klopfen, und paradoxerweise direkt nach der Aufwertung unserer Grundausbildung die ganze Pflege rehabilitiert werden müssen. Es war noch nie von so vitaler Bedeutung für uns, den Entscheidungsträgern – Politikerinnen und Politikern, santésuisse, und letzten Endes den Wählenden, den Steuerzahlenden und den Krankenkassenbeitragspflichtigen – zu zeigen, dass es weit mehr braucht, um den Auftrag zu erfüllen, den uns die Gesellschaft anvertraut, als weiblichen Geschlechts, nett, aufmerksam, emsig und geschickt mit den Händen zu sein. Es ist eine verzwickte Aufgabe, das ist wahr; es ist ein Kampf gegen den äusseren Schein, gegen tief verwurzelte Stereotypen. Es geht darum aufzuzeigen, dass einen Patienten zu baden weit mehr beinhaltet als ihn ein Bad nehmen zu lassen; dass es weit mehr als ein Schwätzchen ist, wenn wir mit ihm sprechen; dass wir uns nicht über seine Krankenkasse lustig machen, wenn wir mit ihm einen Kaffee trinken oder mit ihm einkaufen gehen, sondern um ihm z.B. zu helfen, aus einer Depression herauszukommen und ihm zu lehren, sich der Aussenwelt zu stellen. Es geht darum zu erklären, dass es sehr oft die Qualität unserer Beobachtungen, die Richtigkeit unserer Interpretation und unsere umgehende Reaktion sind, die ihm eine Komplikation, einen Rückfall, eine Hospitalisierung ersparen oder ihm sogar das Leben retten.
Ich möchte mit folgender Feststellung schliessen: Unsere Sichtbarkeit ist keine Option. Wir haben keine Wahl. Wir sind dazu gezwungen. Wenn wir es nicht tun, begehen wir Verrat an unserem Auftrag gegenüber unseren Patientinnen und Patienten, den gegenwärtigen wie den zukünftigen, also gegenüber der ganzen Gesellschaft. Die Gesellschaft vertraut uns die Sorge um ihre verwundbarsten Mitglieder an: die Kranken, die Verletzten, die Neugeborenen, die Sterbenden. Die Gesellschaft muss uns demnach die nötigen Mittel zur Verfügung stellen. Dazu muss die Gesellschaft aber wissen, was wir tun und was wir benötigen, um dies zu tun. Es liegt in unserer Verantwortung, es ihr zu sagen.
Pierre-André Wagner
Leiter Rechtsdienst
SBK-ASI
(Vortrag gehalten anlässlich der Generalversammlung der SBK-Sektion Freiburg am 7. April 2005)
Zahlen und Fakten
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Der SBK besteht aus
- der Geschäftsstelle
- 13 regionalen Sektionen
- 6 Fachverbanden
- 12 Interessengruppen
- einem Bildungszentren
- der Tochterfirma Concret AG (einzige Zertifizierungsstelle für Qualitätsmessungen in der Pflege)
- Der SBK ist Herausgeber der Fachzeitschrift "Krankenpflege" mit dem grössten Stellenmarkt für Pflegepersonal und attraktiven Bildungsangeboten in jeder Ausgabe. Die Zeitschrift erscheint monatlich in einer Wemf-beglaubigten Auflage von 26 915 Exemplaren (Stand 2010).
- Der SBK regelt als Vertragspartner von Santésuisse die freiberufliche Tätigkeit von Pflegenden. Seither sind diesem Vertrag rund 1’500 Pflegefachpersonen ( 2010) beigetreten.
- Der SBK reglementiert seit über 30 Jahre vier gesamtschweizerisch anerkannte Weiterbildungen (Anästhesiepflege, Intensivpflege, Operationsbereich und HöFa I) und hat seither rund 17 000 Fähigkeitsausweise ausgestellt. Daneben anerkennt und überwacht der SBK 250 Weiterbildungsstätten in der ganzen Schweiz.
- Der SBK bietet eine Vielzahl eigener Publikationen an, die sowohl im Pflegealltag als auch im Unterricht eingesetzt werden. Pro Jahr werden rund 17'000 Broschüren bei der Geschäftsstelle angefordert.
- Der SBK schützt die Rechte seiner Mitglieder und wendet jährlich im Mittel 230 000 Franken für den Rechtsschutz auf.
- Der SBK gewährte jährlich Stipendien in der Höhe von rund 70'000 Franken. Damit unterstützt er seine Mitglieder in ihrer beruflichen Weiterentwicklung.
- Die SBK-Fürsorgestiftung spricht Unterstützungsleistungen von rund 70 000 Franken jährlich.
- Der SBK ist in rund 40 nationalen und internationalen Organisationen vertreten und setzt sich dort unter anderem für die Finanzierung und Qualitätssicherung der Pflege sowie die Berufs- und Weiterbildung der Pflegenden ein.
- Der SBK zählt etwa 26'000 Mitglieder. Das heisst, dass ungefähr jede dritte diplomierte Pflegefachperson Mitglied des SBK ist.